Elbphilharmonie-Architekten gewinnen Ideenwettbewerb zum neuen Stadtteil Grasbrook

20. Mai 2020

Zuletzt berichteten wir im Mai 2019 über den Hamburger Stadtteil Grasbrook mit seinen insgesamt 16.000 Arbeitsplätzen und 3.000 Wohnungen, dessen Konzeption unter Einbeziehung der Öffentlichkeit damals ihren Anfang nahm. Im April dieses Jahres kam es nun endlich zu einem weiteren konkreten Schritt: In der finalen Jury-Sitzung wurde der Ideenwettbewerb der Stadt Hamburg zu Grasbrook als neuem Nachbarn der Hafencity entschieden. Von drei finalen Entwürfen wurde der der Elbphilharmonie-Architekten, genauer gesagt des Schweizer Architektenteams Teams Herzog & de Meuron und Vogt Landschaftsarchitekten, prämiert. Die Jury bestand aus Vertretern verschiedener Parteien und Fachdisziplinen. Den Vorsitz hatte Prof. Matthias Sauerbruch inne.

19 lange Jahre der Planung

Die Planungen zur Errichtung eines neuen Stadtviertels am südlichen Elbufer reichen bis in das Jahr 2001 zurück. Die Bewohner des Inselstadtteils Wilhelmsburg setzten damals eine Zukunftskonferenz durch, in welcher eine gründliche Umstrukturierung der geographischen Mitte Hamburgs angestoßen werden sollte. Diese gilt als historische Keimzelle der Hansestadt und umfasst die auf Wilhelmsburg als größter Flussinsel Europas gelegenen Stadtviertel Kleiner Grasbrook, Steinwerder und Wilhelmsburg sowie die Elbinsel Veddel. Immer wieder kam es seither zu punktuellen Modernisierungen und neuen Beschlüssen. Was den Kleinen Grasbrook anbelangt, standen bereits Umnutzungen als Austragungsort der Olympischen Spiele oder als Universitätscampus zur Debatte. Im Herbst 2017 gelangte der Senat schließlich zu dem Entschluss, hier auf einem Areal von 46 Hektar das neue Quartier „Grasbrook“ zu realisieren.

Ein typisches Bild: So sieht es in Grasbrook (noch) aus. Bild: Grasbrook.de

Zielsetzung des Entwurfs

Der Entwurf des Teams Herzog & de Meuron und Vogt hat die Zielsetzung, den bereits erwähnten „Sprung über die Elbe“ zu vollziehen und eher verstreut und isoliert liegende Areale wie z.B. Veddel und die Elbinseln südlich der Innenstadt in das entstehende Siedlungsgebiet zu integrieren. Als „durchgrünte Halbinsel zwischen Norderelbe und Moldauer Hafen“ soll Grasbrook zu einem attraktiven Wohn-, Arbeits- und Naherholungsgebiet werden, so der Erläuterungsbericht zum Wettbewerbsbeitrag. Unter anderem ist eine Schule mit eigenem Sportgelände geplant. Brücken werden der erwähnten Isolation des Nachbarstadtteils-Veddel entgegenwirken.


Um eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur zu gewährleisten, wurde eine eigene Mobilitätsstrategie entwickelt. Diese setzt auf ein weiträumiges Wegenetz für Fußgänger und Fahrradfahrer, eine Reduzierung des Automobilverkehrs, eine nachhaltige Optimierung der Anlieferungsprozesse und eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Diese soll die Verlängerung der Linie der U4 bis zum neuen Viertel am Südufer der Norderelbe gewährleisten.  

Volkspark Veddelhöft

Einen der Hauptakzente Grasbrooks stellt der große Volkspark Veddelhöft dar, der vom Moldauhafenquartier aus über die gesamte Länge der Halbinsel bis hin zur Veddelhöftspitze verlaufen wird. In seiner Mitte wird der Grasbrooksee entstehen, der unterschiedliche sportliche Aktivitäten ermöglicht. Der gesamte Park ist laut Erläuterungsbericht als „durchgängiger und vielfältiger Spiel-, Sport- und Aktivitätsraum“ konzipiert. An seiner Nordseite werden alte Obstsorten mit Beschriftung an die Obstbautradition des Alten Landes erinnern. Aus dem Park heraus verlaufen drei Grünachsen bis zur Norderelbe.


Bild: Grasbrook.de

Drei Hochhäuser am Hafenbecken

Was die Bebauung anbelangt, bilden drei Hochhäuser am Hafenbecken des Moldauhafens das neue Zentrum Grasbrooks und bieten einen einzigartigen Ausblick auf Hamburg. Das gesamte Gebiet wird in das Moldauhafenquartier, das Freihafenelbquartier und das Hafentorquartier unterteilt. In den beiden erstgenannten Arealen werden Wohnraum und Gewerbeflächen untergebracht, das Hafentorquartier wird ausschließlich gewerblich genutzt. Die Fassaden der Gebäude erhalten unterschiedliche Gestaltungen. So ähneln die Hochhäuser dank ihrer gänzlich weißen Farbe den Bauten an der Alster. Wohnraum entsteht in Form von Eigentums- und Mietwohnungen, von denen ein Drittel geförderte Wohnungen sein werden. Ein großer Teil der Wohngebäude greift die Backstein-Optik der im Hafentorquartier bereits bestehenden Gebäude auf. Ein weiterer Teil wird in Holzbauweise realisiert. Die höchsten Gebäude mit 10 Etagen sind entlang der Quartierstraße „Grasbrook Ring“ vorgesehen, etwas niedriger sind mit 8 Etagen die Querbauten, nur sechs Etagen haben die zum Park hin ausgerichteten Baukörper.

Prägnantes Element: die Überseemeile

Ein weiteres prägendes Element des Stadtteils wird die Überseemeile sein, eine imposante Dachkonstruktion mit einer Länge von mindestens 400 Metern. Diese wird das marode Vordach des Überseezentrums ersetzen, das nach Süden an den Veddelhöft-Park angrenzt. Mit einer Höhe von 9,20 Metern und gedeckt mit einer „neuen Dachhaut aus Glas und Photovoltaikpanels“ biete die Überseemeile eine wettergeschützte, „flexibel nutzbare öffentliche Aktivitätenmeile“, so der Erläuterungsbericht. Als solche verbindet sie die beiden Stadtquartiere Grasbrook und Veddel.

Grasbrook als ökologischer Musterbezirk

Resümierend können wir feststellen, dass der Wettbewerbs-Erfolg der Elphi-Architekten“ wohl unter anderem auf die Konzeption des Projekts als ökologischer Musterbezirk zurückgeht. Der Volkspark Veddelhöft fungiert als grüne Lunge, ein Teil der Gebäude wird in ökologisch nachhaltiger Holzbauweise errichtet, Strom wird mittels der Photovoltaikpanels auf der gigantischen Überseemeile erzeugt, Fassadenbegrünungen wirken der Lärm- und Feinstaubbelastung entgegen, und der Autoverkehr wird so weit wie möglich reduziert.

Skizze: Grasbrook.de

Viel Lob stößt auf vereinzelte Kritik

Der Siegerentwurf erfuhr viel Lob von verschiedenen Seiten: So empfindet Professor Sauerbruch diesen als „Ergebnis […], das eine einfache Grundstruktur bietet, die aber in allen Aspekten enormes Entfaltungspotential hat.“ Es werde ein neues Quartier vorgeschlagen, das aus der städtebaulichen Sprache Hamburgs entstanden sei und die lokale Geschichte auf eine sehr interessante Art und Weise weiterschreibe.
Nach Ansicht von Dr. Dorothee Stapelfeldt, Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, wird nun für „die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner des Grasbrook, für die Veddel und die anderen benachbarten Stadtteile sowie für die gesamte Stadt […] in den nächsten Jahren ein unverwechselbarer Ort entstehen.“ Sie hebt das Zukunftspotential des Entwurfs hervor, der vielfältiges, qualitativ gutes Wohnen ermögliche und über exzellente Freiraumqualitäten mit dem tollen zentralen Park in der Mitte des Stadtteils und der markanten grünen Promenade an der Elbe verfüge, und bezeichnet ihn als „Meilenstein für Hamburg als lebenswerte grüne Stadt am Wasser“.

Der Oberbaudirektor der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen Franz-Josef Höing befindet, dass die Stadt einen überzeugenden „räumlichen Fahrplan“ bekommen habe, der den Sprung über die Elbe jetzt konkret und anschaulich macht.

Den Aspekt innovativer Nachhaltigkeit lobt Prof. Jürgen Bruns-Berentelg als Vorsitzender der Geschäftsführung der HafenCity Hamburg GmbH, die für die Entwicklung Grasbrooks verantwortlich ist. Er betont das Potential des Entwurfs für einen klimaneutralen Bezirk, der nach seinen Vorstellungen den ökologischen Anforderungen der nächsten 100 Jahre gerecht werden soll.

Neuer urbaner Stadtteil Grasbrook. Bild: Hafencity Hamburg GmbH

Überaus kritisch hingegen sieht die Entscheidung der Jury Till Briegleb, dessen Kommentar „Das Rechteck für alle Lebenslagen“ am 13.04.2020 in der Sueddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde.
Während der Journalist von den „vielen originellen Vorschlägen für eine gemeinschaftlich gedachte Insel der Vielfalt“ der Stadtentwürfe des dänisch-schweizerischen und des schwedisch-holländischen Teams völlig begeistert ist, stellt er zum Siegerentwurf fest: „Und dann gab es ein Tandem, das nichts davon vorschlug. Und das hat am Ende gewonnen.“ Sein Urteil zu den von anderer Seite so sehr grühmten Einzelheiten lautet: „Eine große, öde Grünfläche im Zentrum des Gebiets, die an New Yorks Central Park erinnern soll, aber ein Bruchteil so groß ist, wird gesäumt von planen Klötzchenstrukturen, stehend, liegend, zu Großblöcken gruppiert. Die Nahtstelle zum benachbarten Arbeiterstadtteil Veddel, die Mandaworks in ein überzeugendes Sportfeld als Schnittmenge der Quartiere und Interessen verwandelt hätte, verbaut der Siegerentwurf als banale Häuserschlucht. Und die hafennahen Gebäude bilden einfach so gigantische wie monotone Lagerhausstrukturen ab.“

Weiterer Kritikpunkt: Bürgerbeteiligung nur im Internet

In unserem eingangs erwähnten Artikel „Hamburgs neuer Stadtteil: 3.000 Neubau-Wohnungen in Grasbrook“ stellten wir unter anderem die Maßnahmen vor, die eine Beteiligung der Öffentlichkeit an der Ausarbeitung der Pläne für Grasbrook ermöglichen sollten. Seit Juni 2018 wurden diese erfolgreich umgesetzt und stießen auf reges Interesse. Aufgrund der Corona-Pandemie war eine öffentliche Schlusspräsentation der Entwürfe der drei finalen Architektenteams, die für den 02.04.2020 vorgesehen war, nicht möglich. Nur online konnten sich die HamburgerInnen an der Endauswahl beteiligen. Die Entscheidung der Experten-Jury fand am darauf folgenden Tag per Video-Konferenz statt. Dass Menschen ohne Internetzugang von der Auswahl ausgeschlossen waren, stellt einen weiteren Punkt dar, der in verschiedenen Medien kritisiert wurde. Allerdings ist dies kein Einzelfall, und in Zukunft werden Bürgerbeteiligungen wohl nur noch digital stattfinden.

Nächste Entwicklungsschritte

Wie sehen nun die weiteren Realisierungsschritte des ehrgeizigen Projekts „Grasbrook“ aus?

Zunächst wird ein genauer Nutzungs- und Bebauungsplan ausgearbeitet, auf dessen Grundlage im Anschluss eine detaillierte architektonische Planung der einzelnen Gebäude stattfinden wird. Damit einhergehen wird die Vergabe der Grundstücke. Der Park soll laut der Experten-Jury bereits in einer der ersten Bauphasen angelegt werden, wohingegen die Errichtung der ersten Hochbauten wohl erst 2023 in Angriff genommen wird. Initial wird wohl der Baubeginn des Deutschen Hafenmuseums, das als letzter Liegeplatz der historischen Viermast-Stahlbark Peking, die im Jahr 1911 vom Stapel lief, vorgesehen ist, erfolgen. 10 bis 15 Jahre wird die Fertigstellung des gesamten Projekts nach Ansicht der Jury in Anspruch nehmen.

Neubauprojekt Berner Stieg 48. Bild: Werner Wohnbau GmbH & Co. KG

Grasbrook gehört zu den ehrgeizigsten Stadtentwicklungsprojekten in Hamburg. Wir halten Sie auf dem Laufenden, wie es mit dem Quartier und den vielen Neubauprojekten dort weitergeht.

Mittlerweile entstehen zahlreiche neue Bauvorhaben in der Hansestadt. Zum Beispiel „Berner Stieg“ in Hamburg-Meiendorf.

Finden Sie weitere Neubauprojekte in Hamburg auf dem neubau kompass.

Titelbild: Planungsgebiet Grasbrook. Bild: hamburg.de/Herzog de Meuron